Juni 2021

Der sogenannte „Dieselskandal“ sagt mir etwas über unsere Zeit:

Wir belügen uns selbst. Mit unseren Konsum-Ansprüchen haben wir eine Grenze überschritten. Nur dadurch, dass wir uns vormachen, alle unsere Produkte seien unbedenklich, ausgereift und nachhaltig, können wir weitermachen wie bisher.

Jedem Menschen wird in den vergangenen Monaten klar geworden sein, dass es nicht weitergehen kann wie bisher und auch nicht sollte. Ich vermute, dass dem auch jeder Verantwortungsträger in der freien Wirtschaft und Finanzmanagement zustimmen wird.

„Nein! Es kann nicht so weitergehen wie bisher. Wir müssen unseren Umsatz steigern!“

Experten stellen fest, dass Corona nur eine kurze Unterbrechung des Wachstums war und in Ländern, die mit dem Impfen weiter sind, die Wirtschaftsentwicklung bereits schneller als vor der Krise vonstatten geht. Der Kampf wird sich zuspitzen. Greta Thunberg sagte vor der UNO-Vollversammlung: „Ihr habt meine Träume, meine Kindheit mit euren leeren Worten gestohlen … Menschen leiden, Menschen sterben … Und alles, worüber ihr redet, sind Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswachstum. Wie könnt ihr es wagen! …
Die Augen aller zukünftigen Generationen sind auf euch gerichtet, und wenn ihr euch entscheidet, uns zu enttäuschen, sage ich, dass wir euch das nie vergeben werden! Wir werden euch damit nicht davonkommen lassen!“ (Zitiert nach Ulrich Eggers in AUFATMEN, Winter 2021 S.3)

 

Den einzigen realen Ansatz zur Veränderung sehe ich darin, dass ich persönlich dabei weitergehe, etwas zu ändern. Mir fällt dazu ein, dass immer mal Mittel und Methoden angeboten werden, um abzunehmen. Das funktioniert nicht ohne eine klare Einsicht und einen gesunden Willen. Außerdem muss etwas Weiteres beachtet werden, nämlich dass Essen Lustgewinn bedeutet und durch den teilweisen Verzicht zunächst einmal die Lebensqualität sinkt. Dafür braucht es einen Ersatz – und möglichst nicht das Rauchen. Wenn wir das auf unser persönliches Konsumverhalten oder überhaupt das gesellschaftliche Leben übertragen, brauchen wir für das, worauf wir verzichten einen nichtmateriellen Ausgleich.

 

Dafür im Folgenden zwei Angebote :

Angebot 1:
Ich beginne, alles stärker durch die Brille meiner Mitmenschen zu sehen. Dabei denke ich an Menschen mit Behinderungen. Samuel Koch (querschnittsgelähmt durch Unfall bei „Wetten, dass“) erzählt, wie er morgens etwa 2 Stunden benötigt, um tagesfertig zu sein. – Auch in unseren Orten bewältigen Kinder, Eltern oder Pflegende ein enormes Pensum für diejenigen, die auf Hilfe angewiesen sind.
Als früherer Sportler und Künstler ist es Samuel Koch heute nicht einmal möglich zu niesen, wenn ihm nicht genau zum richtigen Zeitpunkt eine andere Person den Brustkorb zusammendrückt. Er selbst ist zu dem Punkt gekommen, an dem er für seine aktuelle Situation sagen kann: „Was, wenn die Antwort auf die meisten unserer Probleme ist, andere glücklich zu machen?“

Angebot 2:
Theodor Fontane (1819-1898) machte die Erfahrung: “Gott, was ist Glück! Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Schmerzen – das ist schon viel.“
Es ist hilfreich, die kleinen, elementaren Freuden des Lebens dankbar anzunehmen.

Theresa von Avila (1515-1582) ist noch einen Schritt weiter gegangen: “Lass nichts dich bedrängen. Lass nichts dich beängstigen. Alles verändert sich. Gott allein bleibt. Geduld erreicht das Ziel. Dem, der Gott hat, mangelt es an nichts. Gott allein genügt.“

 

Wir wollen den Glauben nicht einfach zum Lückenbüßer machen oder zur Hilfe, unseren Konsum-Bedarf zurück zu fahren. Das wäre nicht verwerflich, aber es wird nicht funktionieren, denn unsere Gefühle und Antriebe sind viel stärkere Energien als ein halbherziger Glaube. „Der Mensch kann auf Erden nicht leben, wenn er nichts Freudiges vor sich sieht.“ Wir brauchen die Aussicht auf Erfolg, uns tun Menschen gut, die uns lieben, es geht gleich viel leichter mit der Vorfreude auf eine Feier, den Urlaub oder schönes Wetter.

Mehr und Höherwertigeres und Moderneres zu haben stimuliert jedoch mindestens ebenso positiv unser Lebensgefühl. Das können wir keinesfalls ersatzlos einkürzen. Niemand wird einfach ersatzlos den Gürtel enger schnallen! Es braucht entweder die Einsicht in die Notwendigkeit oder/und etwas Besseres.

Darum ist einer der stärksten Sätze des jüdisch-christlichen Glaubens: „Die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Nehemia 8,10)

Oder ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.“ (Psalm 37,4)

Gott hat die Welt gut geschaffen. Die Macht des Verderbens und der Zerstörung hat er mit Jesus am Kreuz besiegt. Er wünscht sich, dass es uns gut geht. Er freut sich, wenn wir in seiner Nähe entspannen. Er will nicht, dass wir abhängig sind, vom Haben-Müssen. Wir dürfen frei sein. Er möchte, dass wir nicht verbiestert durch dieses Leben muffeln, sondern verantwortlich mit uns und anderen und dieser Erde umgehen, weil wir durch SEINE Nähe und in SEINEM Frieden „gestillt“ sind. Das wird nicht nur unsere Bedürfnisse, sondern auch unser Wirtschaften beeinflussen.

 

~ Bernd Schieritz