Februar 2021

Inmitten der turbulenten und gefährlichen Situation denken viele darüber nach, was „uns Corona sagen könnte“. Wie wäre es, wenn wir deshalb das Folgende wie einen Beitrag während einer Talkshow verstehen: jeder kann sich gern am Gespräch beteiligen und reagieren.

Selbstverständlich stehen momentan das medizinische Geschehen und der Umgang im öffentlichen Leben im Focus. Hilfe hat Vorrang! Aber hat es nicht auch etwas mit Barmherzigkeit zu tun, umfassend über Zusammenhänge und Ursachen nachzudenken? Ich denke dabei nicht an solche Theorien, dass die gesamte Krise bewusst herbeigeführt worden sei. Vielmehr bewegt mich unter vielem anderen die Frage, ob es nicht sein könnte, dass wir tatsächlich an die Grenzen wirtschaftlichen Wachstums im Sinne von immer mehr, immer schneller, immer bequemer, usw. angekommen sind?

Seit dem vergangenen Jahr erleben alle Menschen fast hautnah, was schon länger bekannt war, nämlich, dass Wachstum begrenzt ist („Die Grenzen des Wachstums – Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ ist eine 1972 veröffentlichte Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft). Allen ist klar: So, wie bisher, kann es nicht weitergehen! Und trotzdem reden wir davon, dass alles hoffentlich bald wieder „normal“ wird, so, wie es war.

Im Bereich der Wirtschaft dürfte jedes Reden von 0-Wachstum oder gar von negativem Wachstum als weltfremd gelten. Im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf kann es nicht akzeptiert werden, dass Wachstum begrenzt ist.

Einerseits ist natürlich für das wissenschaftlich-wirtschaftliche Wachstum noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Und zum anderen kommt die ständige Entwicklung hin zu mehr Konsum, zu mehr Leistung für den gleichen Preis, zu Angeboten, die das Leben bequemer machen, unserem Lebensgefühl entgegen. Zumindest lässt es sich sehr leicht dahingehend lenken. Denn wenn wir uns nicht mehr Komfort leisten können, wofür lernen und arbeiten wir dann so hart? Haben wir auf diese Weise eine gute Zukunft?

Mir kam der Vergleich mit der Natur. Ist es vorstellbar, dass ein Baum ständig wächst? Entspricht es den Gesetzmäßigkeiten des Lebens, dass ein Mensch ständig leistungsfähiger und produktiver wird? Nur eine Person, die ihr Älter-Werden angenommen hat, kann reifer werden. Wenn wir an ein „Weiter-wie-bisher“ denken, an ewige Jugend, an Hauptsache viel Geld verdienen usw. – sind große Krisen für das (Gesellschafts-)System unvermeidlich, weil o.g. Zielsetzungen an dem Ast sägen, auf dem alle sitzen.

Jedoch: die Möglichkeiten des Wirtschaftens unserer Gesellschaft und der gesamten Völkerwelt sind nur zum Teil vom Menschen und organischer Natur her bestimmt, sondern auch von Gesetzmäßigkeiten, die ignoriert oder zum Nachteil für andere ausgenutzt werden können. Dennoch ist die Frage interessant, ob es vielleicht ein Wachstum in einer ganz anderen Art und Weise gibt, ja geben sollte?

Finden wir einen Weg, gut zu leben, ohne immer mehr herstellen zu müssen, Ressourcen zu verschwenden, die Umwelt irreparabel zu schädigen, Beziehungen zu stark zu belasten, um den nachfolgenden Generationen eine Welt zu präsentieren, die sie nicht übernehmen wollen? Es müssten Fragen als Maßstab des Wirtschaftens festgelegt werden, wie: Ist das nachhaltig? Ist das sozial gerecht? Ist das gesund? Wie wird das hergestellt?

Ich selbst will mir diese Fragen im Blick auf mein Konsumverhalten stellen: Brauche ich das wirklich? Wem gebe ich mit diesem Kauf mein Geld und damit auch Unterstützung und Macht? Könnte ich nicht auch das Geschäft oder den Landwirt im eigenen Ort unterstützen? Sicher, das ist gegen den Trend und die Gewohnheit, denn dann könnte ich nicht so viel und auch nicht so sehr auf Vorrat kaufen. Für eine junge Familie ist das eine gewaltige Hürde! Aber ich könnte gesünder und umweltschonender leben, was uns eine Generation später zugute käme, (wenn es eine kritische Masse an Personen genauso macht).

Das nur als ein Beispiel.

Was hat das mit dem Christsein zu tun?
Christen glauben, dass Gott jeden Menschen gewollt hat.
Christen glauben, dass uns Gott diese Welt anvertraut hat, um sie zu gestalten und zu bewahren.
Christen glauben auch, dass Gott will, dass wir gut miteinander umgehen.
Für all das haben wir Verantwortung und ER wird uns einmal danach fragen.

Nun will ich nicht darauf hinaus, dass Christen bessere Menschen wären. Nein!
Alle Menschen sind Menschen und in gleicher Weise fehlbar und deshalb brauchen es auch alle, dass Jesus für sie am Kreuz starb. Dieser Tod bedeutet, dass wir aus dem ewigen Getrenntsein von Gott herausfinden können. Dieser Tod bedeutet den Sieg über die Kräfte des Egoismus, des Neides, der (Selbst-)Ablehnung, der Selbstzerstörung, der Sucht, der Gleichgültigkeit, des Bösen ….
Bei Jesus gibt es eine Liebe, die stärker ist als der Tod.

Paulus schreibt:

»’Weil wir zu dir, Herr, gehören, sind wir ständig in Todesgefahr. Wir werden angesehen wie Schafe, die zum Schlachten bestimmt sind.‘
Aber mitten in alldem triumphieren wir als Sieger mit Hilfe dessen, der uns so sehr geliebt hat.« (Römer 8,36-37)

Zugegeben, den lebendigen Beweis bleiben Christen weiterhin schuldig.
Aber diese Realität bietet die Voraussetzungen, anders und neu zu leben.

~ Pfarrer Bernd Schieritz