Impuls, Mittwoch 20. Januar

Papa, ich bin auch da

Ihr Lieben, das kurze Leben unseres ersten Sohnes war geprägt von ständigen Krankenhausaufenthalten, schmerzhaften Behandlungen und Operationen, Trennung von Eltern und Geschwistern. Oft war er isoliert und die Personen um ihn herum trugen weiße Kittel und oft Gesichtsmasken. Der Geruch von Desinfektionsmittel war ihm sehr vertraut. Das und vieles mehr waren die schmerzhaften Erinnerungen, die wir an ihn haben. Aber es gibt auch eine andere, schöne, für uns heute immer noch unerklärliche Seite seines Lebens.
Gott hat in dieses kleine geschundenen Kinderherz seine Liebe gegossen, die wir in vielen Situationen erleben durften. In den besonders schweren Wochen der Knochenmarkttransplantation, die er in einem sterilen Raum verbringen musste, durfte er durch eine Glasscheibe ein Fernsehprogramm seiner Wahl anschauen. Halb entschuldigend sagte die Schwester zu meiner Frau, die tagsüber mit Vollschutz bei ihm sein durfte – Robert wollte keinen Trickfilm, sondern unbedingt den Fernsehgottesdienst ansehen. Ich glaube nicht, dass er mit seinen vier Jahren schon den Inhalt der Predigt verstanden hatte, aber ich bin überzeugt, dass er durch die Lieder und Gebete die Gegenwart Gottes gespürt hat und sie ihm wohl tat. Nie vergessen werde ich die Freude und den Jubelschrei, als er auf schwachen wackeligen Beinen und erhobenen Armen an einem Heiligen Abend, in der schon vollbesetzten Kirche, im Hauptgang zu mir nach vorn,, stürmte “ und mit lauter Stimme rief – Papa, ich bin auch da. Es war für immer ein Höhepunkt in seiner Kirche zu sein.
Im Nachhinein ist mir immer mehr klar geworden, dass auf ihn die Worte aus Römer 8 zutrafen – Nichts konnte ihn von Gottes Liebe trennen. Weder Krebs noch Isolation, weder Spritzen noch Schmerzen, weder der Anblick von Arztkitteln noch der Geruch von Desinfektionsmittel, weder Enttäuschung und scheinbarer Verlassenheit. Er kannte auch die Kraft des Gebetes. Als wir uns mit unseren Geschwistern zum täglichen Gebet für ihn trafen und er es wieder einmal vor Schmerzen nicht aushielt, rief er aus seinem Zimmer, wir sollen lauter beten.
Ich bin überzeugt, dass er, als er in die Ewigkeit einging, unserem Himmlischen Vater in die Arme rannte und rief –
Papa, ich bin auch schon da.
Ich bete, dass Gott Seinen Heiligen Geist noch einmal in die Herzen der Menschen ausgießt. Seine spürbare Liebe, die stärker als die gegenwärtigen Umstände und stärker als der Tod ist.

~ Jürgen Meyer