Impuls Mo, 13. April

Ihr Lieben, vor der Wende, also zu DDR Zeiten, war es üblich, dass man sein Schaf, wenn man eines hatte, an eine Kette anpflockte. Das Tier wurde erst weitergesteckt, wenn es ordentlich abgefressen hatte. Ich habe das auch eine Zeit lang so praktiziert. Unser Schaf erschrak bei jedem vorbeifahrenden Fahrzeug so sehr, dass es panisch losrannte, bis sich die Kette straffte, es ihm die Beine wegzog und es sich fast das Genick brach. Das konnte bis zu fünfzig Mal am Tag sein. Manchmal lief es im Kreis und die Kette verfitzte sich am Pflock, dadurch wurde sein Aktionsradius immer enger, bis es sich kaum noch bewegen konnte und es blökend aus der Wolle guckte.
Heute werden die Schafe meistens in kleinen ordentlich abgesteckten Weiden gehalten. Da wiederum kann man beobachten, dass die Schafe jedem Spaziergänger hinterherblöken oder laut und lang der Nachbarherde antworten, wenn die sich meldet, obwohl sie genug zu fressen haben.
Es gibt aber auch Schafe, das haben wir mal im Urlaub live erlebt, die leben in aller Freiheit und trotten, gemütlich grasend ihrem Hirten hinterher. Sie schienen zufrieden zu sein und wirkten sehr entspannt und unaufgeregt.

Zu welcher, der drei Sorten gehörst du? Zu den ersten, den ängstlich hektischen, die scheinbar immer im Kreis gehen und sich bei fast jeder Gefahr das Genick brechen, und deren Lebensradius immer enger zu werden scheint? Oder zu den Zweiten, die ,obwohl sie genug zu fressen haben, mitblöken, wenn andere blöken und wissen oft gar nicht warum?
Oder gehörst du zu der letzten Gruppe, den ruhigen, entspannten, die gemütlich dem Hirten hinterherlaufen, der sie immer zu frischen Futter führt?

Ich bin seit vierzig Jahren in der letzten Abteilung. Ich habe mich dazu entschieden, weil mich der Hirte gefragt hat, ob ich mit in seine Herde kommen möchte. ER würde für mich sorgen. Ich habe damals Ja gesagt, obwohl ich nicht wusste, ob das funktionieren würde. Nicht einen Tag habe ich seitdem bereut in dieser Herde zu sein. Mein Hirte ist wirklich ein guter Hirte. Er hat bis jetzt alles gehaltenen, was ER versprochen hat. ER weidet mich auf einer grünen Aue, ich habe von allem genug und fühle mich total geschützt und dazu gibt es in dieser Herde prächtige Tiere. Ich kann dich nur ermutigen, sei kein dummes Schaf und komme mit. Es ist so schön und am meisten freut sich der gute Hirte.

~ Jürgen Meyer